Lesungstext Auslegung zu Joh 21,1-14
(Wortgottesdienst in der Osterzeit 2014)

Je nach Gegebenheit: Stellen Sie sich ein Holzrad vor, mit hölzernen Speichen. Vielleicht haben Sie noch einen Leiterwagen bei sich stehen mit Holzrädern.Oder als Schmuck an einer Hauswand.

Was hat ein solches Rad mit dem heutigen Evangelium zu tun?
Damit dieses Rad überhaupt als Rad von Nutzen sein kann, braucht es eine Achse, um die es sich drehen kann. Auch das heutige Evangelium hat eine solche Achse, um die sich alles dreht.

Es ist der 7te Vers, ziemlich genau in der Mitte des Evangeliums:
„Da sagte der Jünger, den Jesus liebte, zu Petrus: Es ist der Herr!“
Drei Erzählstränge sind um diese Achse herum verflochten:
* der wunderbare Fischfang
* das Zeichen der 153 Fische und schließlich
* das gemeinsame Mahl mit Jesus

Wie die Speichen eines Rades laufen diese 3 Erzählstücke auf die gemeinsame Mitte zu: „Es ist der Herr.“

Da ist als erstes der wunderbare Fischfang: Die Jünger, darunter Petrus und eben der Jünger, den Jesus liebte, sind in Galiläa wieder in ihren Alltag zurückgekehrt. In ihren alten Beruf als Fischer. Doch sie fangen nichts, die ganze Nacht hindurch nicht. Am Morgen dann steht Jesus am Ufer:
„Werft das Netz auf der rechten Seite des Bootes aus.“
Die Jünger kommen dieser Aufforderung Jesu nach und jetzt ist ihre Arbeit von Erfolg gekrönt. Sie fangen jetzt so viel, dass ihr Netz zu zerreißen droht.
Erst im Hören auf das Wort Jesu gibt es das rechte Handeln und dann auch die rechte Frucht des Handelns. Ein überreicher Fischfang.

Natürlich sind auch wir damit gemeint. Wie oft ist es auch bei uns Nacht. Mühen wir uns vergebens bei aller Anstrengung.
Dann ist da einer, der am Morgen dieser Nacht ruft: Wirf dein Netz nochmals aus, auf der rechten, der richtigen Seite.
Das ist unsere erste Berufung: der überreiche Fischfang, das Leben in Fülle. Und das heißt dann: auf ihn hören, sich ermutigen lassen und immer wieder neu anfangen. Also immer wieder das eigene Leben, sich selbst verwandeln lassen – wir können es auch umkehren nennen – und das Rechte tun.

Wie die Speichen eines Rades soll auch unser Leben, unser Alltag auf Jesus ausgerichtet sein. Mit dem Blick eben auf die Mitte, auf die Achse unseres Lebens: „Es ist der Herr.“
Damit auch unser Leben überreich gesegnet ist.

Schauen wir, wie es weitergeht mit diesem überreichen Fischfang. Damit kommen wir zum zweiten Erzählstrang.
Auf wunderbare Weise kann Petrus ganz alleine diesen überreichen Fischfang an Land ziehen und – wunderbarerweise zerreißt auch das Netz nicht.

„Es war mit hundert-dreiundfünfzig großen Fischen gefüllt“, so lesen wir weiter. Was ist mit den 153 Fischen gemeint?
Die Zahl ist symbolisch zu verstehen. Wie? Das wissen wir leider nicht genau.
Nun, 153 ist die Summe der Zahlen von 1 bis 17; in der hebräischen Zahlenmystik steht die Zahl 17 für gut, dann wäre hier ein gute Vollzahl an Fischen gemeint. 17, das ist aber auch die Anzahl der Völker, die (nach der Apostelgeschichte) beim Pfingstereignis anwesend waren; dann würden die Fische hier für das überreiche Ergebnis der Menschenfischer stehen, die unter den Völkern Jünger für die Sache Jesu suchen und die junge Kirche aufbauen.

Und schließlich noch eine weitere interessante Möglichkeit: nach der Zahlenmystik können die Zahlen 153 selbst auch zu Buchstaben gebildet werden; dann ergibt sich das Wort für „Gemeinde“ oder „Kirche“. Auch dann stünden die Fische für die Gemeinschaft der Kirche.
Es geht also um die Gemeinde. Trotz aller Vielfalt reißt die Einheit nicht. Jesus garantiert, dass das Netz der Gemeinde nicht reißt, dass die Gemeinde mit der Vielfalt der Menschen, die sie bilden, nicht auseinanderfällt.

Auch wir dienen dieser Vielfalt der Gemeinde.
Gemeinde ist nichts, wo man ab und zu etwas für die eigene Seele sucht oder schöne Traditionen pflegt. Wir sind einander Fische und füreinander Menschenfischer. 153, das heißt: in all unserer Vielfalt, mit unseren vielen Stimmen und unterschiedlichen Fähigkeiten.
Das ist unsere zweite Berufung: Gemeinde miteinander und füreinander aufzubauen. In den vielen Gruppen und Vereinen, mit den vielen kleinen und großen Diensten. Gemeinde sind wir im Gebet, zum Beispiel in den gemeinsamen Gottesdiensten oder im Rosenkranzgebet und in der Anbetung – oder auch im persönlichen Gebet, hier und zuhause.

Auch im nächsten und letzten Erzählstrang geht es dann um die Gemeinde.
„Jesus trat heran, nahm das Brot und gab es ihnen“.
Das erinnert natürlich bewusst an das letzte Abendmahl oder eben an die Eucharistiefeier, die die Gemeinde kennt, die das liest.
Es ist Jesus selbst, der die Jünger wieder neu in die Gemeinschaft mit ihm hineinnimmt, in die Gemeinschaft des Mahles.
In dieser Mahlgemeinschaft findet die Gemeinde ihre Mitte. Mitte und Höhepunkt des ganzen Lebens der christlichen Gemeinde, wie das Zweite Vatikanische Konzil es formuliert hat.
Das ist die Verheißung, dass der Herr selbst es ist, der uns einlädt. Und so wirklich zur Achse wird, die unser Leben trägt und dass unser Leben selbst nicht zerreißt.
Wir sind zur Vielfalt gerufen, nicht zur Einfalt.

Je nach Gegebenheit: Schauen wir uns nochmals das Rad an / das Holzrad vom Anfang.

Wenn nichts recht gelingen will, das Rad sich immer schneller dreht, dann gilt es, zur Mitte zu schauen und das Rechte zu tun.
Nicht, um noch hektischer zu werden, sondern gelassener und geduldiger. Denn ER ist ja die Mitte, um die sich alles dreht. ER hält das Rad des Lebens fest in seinen Händen.

Wenn es in unserer Gemeinde turbulent zugeht, die Stimmen und Meinungen hin und her gehen – und das wird es tun, bis unsere 4 Gemeinden auf dem gemeinsamen Weg sind – wenn sich auch hier das Rad immer schneller dreht. Wenn wir, die 153 Fische das Netz zu zerreißen drohen, dann blicken wir zur Mitte, auf die Achse, die alles trägt: „Es ist der Herr.“
ER segnet unsere Vielfalt. ER ist der Herr des Lebens und Leben ist Vielfalt.

Ich möchte Sie einladen, dieses Bild aus dem Evangelium in sich wach zu rufen, wenn Sie nachher zur Kommunion nach vorne gehen:
Jesus, wie er am Feuer steht, wie er ein einfaches Mahl zubereitet, Brot, das er Ihnen reicht. Sie müssen nur noch die Hände öffnen – und ihr Herz – um es zu empfangen.

© Martin Kornelius